Wir veröffentlichen auf fundstuecke.info einige Texte, die in den neunziger Jahren entstanden und sich mit den Fragen nach den spezifischen Bedingungen linker/alternativer Politik und Kultur in der Provinz beschäftigen. Wir halten diese Debatte nach wie vor für sehr wichtig. Denn die Bundestagswahl im Februar 2025 hat es wieder gezeigt: In der Provinz können sich nicht nur die Konservativen, sondern auch die Ultrarechten besonders gut breit machen. In den Metropolen haben sie dagegen größere Schwierigkeiten. So wurde in Berlin Die Linke zur stärksten Partei, während im provinziell geprägten Flächenland Bayern CSU und AfD die ersten beiden Plätzen belegten. Bei der Hamburger Bürgerschaftswahl im März 2025 kamen CDU und AfD auf weit unterdurchschnittliche Ergebnisse, Die Linke hingegen schnitt zweistellig ab. Weit davon entfernt, den Wahlen zu große Bedeutung beimessen zu wollen, zeigt sich hier aber ein Trend, der in der Provinz-Diskussion ab den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts bereits immer wieder festgestellt wurde: Die Reaktion kann sich auf die Provinz verlassen, sie bleibt Rückzugs- und Aufmarschgebiet der Konservativen wie der extremen Rechten.

Was sich seit der Debatte in den Siebzigern und Neunzigern geändert hat? Sicherlich ist durch das Internet eine Entwicklung entstanden, die eine Einebnung der Unterschiede zwischen Metropole und Provinz befördert, zumindest bis zu einem bestimmten Punkt. Denn Informationen und Debatten sind nun zeitgleich weltweit zu haben, dieser Nachteil der Provinz ist beseitigt. Dennoch bleibt der Fakt, dass die tatsächliche (also analoge) Zusammenkunft weiter schwierig ist. Es fehlen Zentren, es fehlen oft sogar die Menschen, die die eigene Anschauung teilen.
Besonders zeigt sich dies, wenn z.B. ultrarechten Kräften Protest oder Widerstand entgegengesetzt werden soll. Mit den wenigen Menschen, die sich in der Provinz in einem bestimmten Ort als links oder alternativ verstehen, ist dies nicht möglich. Solidarität aus den Reihen der Linken in größeren Orten ist daher weiter nötig (und leider extrem selten feststellbar).
Manchmal wirken jene Personen mit, die gemeinhin als bürgerliche Zivilgesellschaft firmieren. Gruppen wie die Omas gegen Rechts, die nun auch in Kleinstädten eigene Ortsgruppen haben, sind hier positiv zu erwähnen. Oft sind sie Teil von Bunt-Bündnissen aus den verschiedensten Gruppen, Vereinen, Initiativen und Einzelpersonen. Die von diesen getragenen und bis weit in die Provinz reichenden Demonstrationswellen von Anfang 2024 und Anfang 2025, die sich jeweils gegen rechtsextreme Kräfte, vor allem die AfD richteten, waren keine linken Veranstaltungen; hier zeigte das (vor allem grüne und sozialdemokratische) Bürgertum, dass es ab und zu noch fähig ist, Verantwortung zu übernehmen.
Dies hat aber seine Grenzen. Gegen die Abschiebung von Flüchtlingen wird hier kaum jemand aktiv. Selbst bei Themen wie der Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs bleiben linke/alternative Kräfte diejenigen, die Veranstaltungen organisieren.
Es gilt aber auch: Linke sollten vermeiden, in irgendwelchen Bündnissen das eigene Profil zu verlieren. Darauf wurde in den Texten aus den Neunzigern bereits hingewiesen: „Die Möglichkeiten linker Politik liegen irgendwo zwischen Bündnispolitik und dem Achten auf Vermittelbarkeit einerseits und dem Festhalten an eigenen Positionen sowie dem Nichtvereinnahmenlassen andererseits, was zwar nicht nur für die Provinz gilt, hier aber nochmal verschärft zutrifft.“ (aus: Was ist Provinz?)
Was auch als Erkenntnis der früheren Provinz-Debatte bleibt: Die deutlich bessere Lage der Linken in den größeren und großen Städten muss auch finanziell zur Unterstützung der Provinzlinken führen. Ging die Aufforderung in den früheren Texten noch an die Partei Bündnis 90/Die Grünen, so wird heute niemand mehr von dort eine Unterstützung für linke und alternative Gruppen erwarten. Allerdings ist mit Die Linke auch eine Partei in den Parlamenten vertreten, die den Anspruch als Partnerin der außerparlamentarischen Linken noch nicht aufgegeben hat. Wir werden sie beim Wort nehmen dürfen.
Dies sind erste Gedanken zu einer Aktualisierung der Provinz-Diskussion. Damit gehen wir über die reine Dokumentation von historischen Texten hinaus. Wir halten dies für konsequent, heißt es doch in unserem Seinsverständnis: „Ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit wird es sein, das Gedächtnis der alternativen, kulturellen, linken Szene zu stärken, das Bewusstsein über die eigene Geschichte zu unterstützen oder erst zu schaffen. Denn die Geschichtslosigkeit ist unserer Ansicht nach ein großes Problem für alle sozialen Bewegungen. Es scheint, dass alte Fehler immer wieder neu gemacht werden, da das Gedächtnis für das Vergangene fehlt.“ Diese Geschichtsvergessenheit möchten wir mit einer erneuten Provinz-Diskussion gerne aufbrechen. Daher: Beteiligt euch! Schickt uns Anregungen, Widerspruch, Ergänzungen etc., gerne auch kurze Texte.
Redaktion fundstuecke.info
Schreibe einen Kommentar zu Eröffnung unserer Provinz-Diskussion – oder: Warum sind die Rechten in der Provinz so stark und was können wir dagegen tun? – FUNDSTUECKE.INFO Antworten abbrechen