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Virtuelles Archiv zur Sozialgeschichte in der Region Aschaffenburg/Miltenberg

Was war die Antifa Churfranken? – Ein Rückblick

(zuerst veröffentlicht in der Nr. 3 des Debakel-Fanzine, 2025)

Die Antifa Churfranken existierte um 2015 herum im beschaulichen Städtchen Miltenberg. Es handelte sich – auch wenn der Name anderes vermuten lässt – nicht um eine „feste“ Gruppe, sondern eher um einen losen Zusammenhang, einen politischen Freundinnen-Kreis. Insofern gar nichts Besonderes, denn überall existieren diese Grüppchen, die eine ähnliche politische Idee teilen. Warum also jetzt über die Antifa Churfranken nachdenken? Ganz einfach: Obwohl es keine klare Ausrichtung, keine Diskussion oder Gruppentreffen gab, führte die Antifa Churfranken eine kurze Zeit Aktionen durch. Das ist insofern bemerkenswert, da viele der Gruppen, deren Gründung und Auflösung ich in den Jahren meiner Szenezugehörigkeit verfolgen sollte, die Hürde zur „politischen Praxis“ nicht nehmen sollten und vorher schon wieder die Segel strichen.

Das erstes Mal in der Öffentlichkeit tauchte der Name Antifa Churfranken direkt mit ihrer wohl spektakulärsten Aktion auf: Zur Feier des 8. Mai feuerten Aktivistinnen ein beachtliches Feuerwerk aus über 100 Schuss (gleichzeitig aus mehreren Feuerwerksbatterien) von der Mildenburg ab. Andere fotografierten das Schauspiel von der Main-Brücke aus. Zum selben Anlass plakatierte man im Umfeld Miltenberger Schulen. Das einzige inhaltliche Statement der Gruppe veröffentlichte dann kommunal.blogsport.de:

Am 7. sowie 8. Mai war unsere Gruppe in Miltenberg aktiv. Neben einem von kommunal bereitgestellten Plakatmotiv verklebten wir Plakate mit der Aufschrift „No love for a deutschland“ und zahlreiche Sticker. Den Bereich um Bahnhof, Realschule und Gymnasium wählten wir aufgrund der kürzlich aufgetauchten Hakenkreuz-Sprüherein, um den Massen an vorbeiziehenden Schülern die Bedeutung des Datums in den Sinn zu rufen sowie unsere Verachtung gegenüber diesem Deutschland kund zu tun. Die Fratze der verlogenen Gedenk- und Erinnerungskultur zeigt sich aktuell wieder bei Diskussionen um Reparationsforderungen von griechischer Seite sowie den immer wiederkehrenden Versuchen, die Diktatur des Nationalsozialismus als etwas Fremdes darzustellen, von dem die Deutschen befreit worden wären. Am 8. Mai feierten wir die militärische Niederlage der deutschen Volksgemeinschaft mit einem Feuerwerk über Miltenberg.

Hier beachte man gerade die inhaltliche Schärfe, die insbesondere im Bezug auf die damalige Debatte um die Bedeutung des 8. Mai zu sehen ist und vor allem auch in der Zeitung Jungle World diskutiert wurde. Wie vieles im Bezug auf die Antifa Churfranken ist auch die Textproduktion erstaunlich erfrischend vonstatten gegangen: Wer Lust zu schreiben hatte, der schrieb. Wer keine Lust dazu hatte, beschwerte sich nicht weiter.

Im laufe der Zeit besuchte man gemeinsam Partys, auf denen die Parolen der Zukunft ausgearbeitet wurden: Frankfurt, Frankfurt wir sind da – Churfrankener Antifa!

Ich erinnere mich immer wieder gerne an die WG-Party, bei der die Gastgeberinnen den folgenschweren Anfängerfehler begingen und einen Zimmermannshammer auf dem Küchentisch liegen ließen. Es kam wie es kommen musste: Mit steigendem Alkoholpegel ging der Hammer durch zahllose Hände und war Teil wilder Spekulationen. Welche seiner beiden Seiten würde wohl mehr Zerstörung anrichten können? Handwerkliche Expertise stieß dabei auf philosophische Ansichten und Grundsatzdebatten zu Materialdichte und Gesetzen der Physik. Auf diese quasi wissenschaftlichen Gespräche folgte – selbstverständlich – die Phase der Experimente. Zahlreiche Küchengeräte, Büro- sowie Unterhaltungselektronik fiel diesen – unter dem Johlen der blutrünstigen Menge – zum Opfer. Das Motto dieser Nacht „Stumpfe oder spitze Seite? Scheißegal, nimm einfach beide!“ wurde dann ebenfalls auf einigen Demos kund getan, was nicht selten nur ratlose Blicke bei unseren Mit-Demonstranten auslöste.

Ähnliche Wirkung erzielten wir mit dem Schlachtruf „Von der Erf bis zur Mud – Bomben drauf, dann wird es gut!“, welcher – in Anlehnung an antideutsche Provokationen der Zeit – die Bombardierung von Miltenberg forderte. Verewigt wurde dieser Aufruf zur politischen Stadtverschönerung dann auch auf tausenden von Stickern. Diese zeigten zudem das erste Mal das Logo der Antifa Churfranken. Es handelt sich dabei um einen erweiterten Churfranken-Schriftzug. Umso witziger, wenn man bedenkt, dass es sich bei der Marke „Churfranken“ um einen reinen Werbe- und Touristen-Gag handelt.

Zur Umgestaltung einer der riesigen Churfranken-Werbefahnen, um sie als Transparent auf Demos zu benutzen, kam es leider nie. Dafür zu kleineren Plakat-Aktionen, um die Mobilisation zu Demonstrationen zu unterstützen, sowie zu Wahlkampf-Sabotage im größeren Stil. Mithilfe eines Fahrzeugs gelang es Teilen der Gruppe, ganze Straßenzüge von Wahlplakaten zu befreien. Als eine Polizei-Streife auf das verdächtige Verhalten aufmerksam wurde, hielten alle Beteiligten konsequent ihren Mund und verweigerten schon vor Ort jede Unterhaltung, so dass den Bullen nichts anderes übrig blieb, als uns unverrichteter Dinge von dannen ziehen zu lassen. Es machte sie rasend, nicht zu wissen, was Sache ist. Sie waren sich sicher, dass hier irgendwas im Busch ist, ihre Fantasie reichte aber nur bis zu einem Drogen-Delikt. So suchten sie wütend in Gebüschen, im Auto und unseren Taschen nach Stoff, leuchteten in unsere Augen und ließen uns auf einem Bein stehen. Das Toben der Cops wurde nur durch unser Lachen unterbrochen. Ich hatte wohl nie so viel Spaß in einer Polizei-Kontrolle und selten das Gefühl, mich blind auf meine Mitstreiterinnen verlassen zu können.

Mehr Stickermotive aus der Region findet ihr in unserem Sticker-Archiv.

Doch warum schreibe ich über diese Zeit? Mir geht es dabei nicht nur darum, die – meiner Meinung nach – lustigen Anekdoten weiterzutragen, sondern auch darum, vielleicht den einen oder anderen Impuls zu geben. Warum über kleinteilige Theorie streiten, wenn es nicht für die praktische Arbeit relevant ist? Eines kann man auf jeden Fall festhalten: Hätten wir ein großes Konzept ausarbeiten müssen, wir wären gescheitert oder hätten uns zerstritten. Wir haben uns selbst und unsere Rolle in der Szene eher locker gesehen, waren schon in anderen Zusammenhängen aktiv und mussten einsehen, dass unsere kleine Gang erst mal keine Revolution machen wird. Wenn die große Veränderung ausbleibt, ist das oft der Punkt, an dem sich Aktivistinnen verabschieden. Wir haben – zumindest kurzzeitig – den Raum eröffnet, um weiterzukämpfen. Und das in neuen Lebensumständen, ohne tausend Vorbereitungstreffen, nervenaufreibende Diskussionen und Aktions-Burnout. Und alles, was wir dafür gebraucht haben, war eine Handvoll Grundsätze, Kreativität, Vertrauen zueinander und etwas Mut, einfach mal wieder loszugehen.

Vielleicht wäre es in diesen Zeiten – in denen autoritäre Linke ihren Einfluss erweitern und immer mehr dem Antisemitismus frönen – wieder notwendig, sichtbare wie schlagkräftige Gegenentwürfe zu schaffen. Frei nach Adorno: Sich weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht dumm UND TRÄGE machen zu lassen!


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